Donnerstag, 5. Juli 2018


Als April in eine Klinik für Magersüchtige gebracht wird, bricht die Welt für ihre kleine Schwester Phoebe zusammen. 

Zunächst steckt sie noch voller Hoffnung, dass April bald wieder entlassen wird, doch immer mehr Zeit vergeht seit ihrer Einweisung. 

Um ihr dennoch nahe zu sein, schreibt Phoebe regelmäßig Briefe an ihre Schwester, auf welche sie aber nie eine Antwort erhält. 

Wird ihre Schwester je wieder zurückkehren oder bleibt sie für immer verloren?

"...Niemand hat einen zweiten Versuch. Und wenn ich es nicht schaffe, was hast du dann von all meinen Briefen, wenn du mir nie darauf antworten kannst; was passiert mit all den Erinnerungen an mich - und was fehlt? Was fehlt. Wenn ich verschwunden bin." 
- April, Seite 320


Dieses Buch ist definitiv nicht um sonst mein Lieblingsbuch! 

Das Buch handelt im ersten Teil von den Briefen die Phoebe an April schickt. Im zweiten Teil liest man die Briefe, die April an Phoebe schreibt, aber nicht an sie verschicken kann. Die Geschichte wird also zum einen aus Phoebes und zum anderen aus Aprils Sicht erzählt. So erfährt man viel von dem Seelenleben der beiden.

Über die Eltern erfährt man nicht sehr viel. Der Vater ist selbstständig und hält sich am liebsten den ganzen Tag in seinem Arbeitszimmer auf. Vor allem wenn die Mädchen ihn mit seinen Fragen auf die Nerven gehen. Die Mutter arbeitet mit Pflegekindern. Sie scheint für ihre Pflegekinder eine bessere Mutter zu sein als für ihre leiblichen Kinder. Sie beschuldigt April die Familie zu zerstören. Wie kann man nur so was zu einem Kind sagen. Die Eltern sind meiner Meinung nach mit Phoebe und April restlos überfordert. Sie können ihnen einfach nicht gerecht werden. Das wird in vielen Situationen immer wieder deutlich. Ich kann nicht verstehen, warum sie keine Hilfe von außen in Anspruch nehmen wollen. Ab einem gewissen Punkt muss man doch einsehen, dass es nicht so weitergehen kann und dass man Hilfe braucht. Sie können beide nicht mit ihren Töchtern umgehen. April wurde als kleines Kind oft sich selbst überlassen. Auch wenn diese Zeit mit ihren Eltern verbringen wollte, einfach nur von ihnen im Arm gehalten werden wollte. Dies hat sie nicht bekommen. Das hat mich beim Lesen so wütend gemacht. Wie kann man nur so grausam zu seinen Kindern sein.


Phoebe ist so ein wunderbares Wesen, ich hatte sie beim Lesen direkt vor Augen. Wie kann man so ein Geschöpf nur nicht lieben. Sie ist so unschuldig aber auch wahrhaft mutig. Wie sie sich immer wieder gegen ihre Eltern stellt, um ihre Schwester zu verteidigen verdient großen Respekt. 



Der Schreibstil ist sehr beeindruckend und wunderschön. Die Autorin hat mich wirklich bezaubert. Die Sprache ist so poetisch und hat mich völlig in ihren Bann gezogen. 


Die Beziehung zwischen Phoebe und April ist etwas ganz besonderes. Die zwei sind nicht nur Schwestern, sie sind Seelenverwandte. Und das ist in jedem Brief zu spüren. Die zwei haben eine Verbindung zu einander, die nichts und niemand zerstören kann. Sie gehören zusammen, sie brauchen sich und geben sich gegenseitig halt. Sie verstehen einander, auch ohne Worte. Phoebe ist die einzige, die erkennt, wie es um April wirklich steht. Sie macht sich die größten Sorgen und kann nicht verstehen, dass ihre Eltern das nicht erkennen wollen. Sie sind immer füreinander da, wenn kein anderer sie versteht. Sie sind beide was Besonderes und daher ist es gut, dass sie wenigstens einander haben. Sie vermissen sich so sehr. Sie lieben sich bedingungslos und dies merkt man in den Briefen.

,,Und was fehlt? Was fehlt. Wenn ich verschwunden bin.'' - Seite 320

,,Ich glaube, ich könnte einfach einschlafen, hier und jetzt, und nie wieder aufwachen.'' - Seite 327

,,Ich kann niemanden erzählen, wie ich mich fühle.'' - Seite 331

,,Und mein Kopf ist ein ziemlich hässlicher Ort.'' - Seite 333

,,Und wenn man richtig, richtig viel Glück hat im Leben, dann erkennt jemand den Seelenschmerz im Ganzen, so dass man gerettet werden kann, bevor es zu spät ist.'' - Seite 338

,,Ich habe mich währenddessen im Bad eingeschlossen und wollte mir mit Papas Rasierklingen die Pulsadern aufschlitzen.'' - Seite 358

,,Seitdem habe ich mir immer die Arme aufgeschnitten, wenn ich den Schmerz in mir nicht mehr ertragen konnte.'' - Seite 359

,,Ich hoffe, du benutzt niemals in deinem Leben eine Rasierklinge.'' - Seite 359

,,Aber wenn man erst einmal eine Rasierklinge in seinem Arm stecken hat, dann kriegt man sie so leicht nicht mehr raus.'' - Seite 360

,,Ich bleibe alleine. Bis zum Schluss. Aber das bin ich ja schon seit Monaten.'' - Seite 365

,,Ich höre nur die weiße Stille. Sie ist bitterkalt. Und schön.'' - Seite 367

,,Und wenn der Frühling kommt mit seinen bunten Farben, wenn der Schnee schmilzt und die Vögel ihre Nester bauen, wenn alles blüht und grünt und die grauen Regenwolken über Berlin sich von ein paar weißen Schäfchenwolken vertreiben lassen - dann werde ich nicht mehr hier sein. Dann kommt der Frühling. Ohne mich.'' - Seite 367/368

,,Bitte vergiss mich nicht, wenn ich sterbe. Bitte erinnere dich an mich.'' - Seite 369

,,Ja. Sterben ist die stillste Zeit. Die ich kenne.'' - Seite 374

,,...aber die Kraft, mich selbst zu verletzen, habe ich schon immer aus dem Nichts nehmen können. Es gibt keine Gewalt, die ich besser beherrsche als die gegen mich.'' - Seite 379

,,..versuche niemals, deinen Schmerz ganz alleine zu tragen. Denn wenn du Pech hast, dann trägt er dich davon. Und davon kommst du nicht mehr los. Davonkommen: Da von kommen die Worte. Vergiss das nicht.'' - Seite 392


,,Es ist Winter, der erste Winter ohne mich,
und er ist kälter als jeder Winter zuvor.
Und wenn dieser Winter vorübergeht,
wenn er sich zurückzieht, mit seinen weißen Gewändern,
und wenn dann ein neuer Frühling kommt,
mit einem neuen April.
Dann werde ich nicht mehr hier sein,
um deinen Namen zu flüstern.
An keinem Tag.
Aber vielleicht, ganz vielleicht.
hörst du mich wispern.
In der Ferne.''
- Seite 397

Das Buch hat mich so sehr berührt, wie schon lange keines mehr. Ich habe mit April und Phoebe gelitten, gehofft, gelacht und geweint. Ich wollte das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Doch oft musste ich es tun, weil ich eine Pause brauchte. Eine Pause von dem Schmerz, den April erleidet. Ich war wütend auf die Eltern, konnte deren Verhalten nicht fassen und verstehen. Ich bin ein sehr emotionaler Mensch und dieses Buch ist mir ziemlich an die Nieren gegangen. Gegen Ende hin hätte  ich nur noch weinen können,  so sehr hat es mich bewegt. Doch es gibt auch schöne, lustige Momente. Sehr oft hat Phoebe mich zum Schmunzeln gebracht. Es geht hier nicht nur um das Thema Magersucht, sondern um Liebe und Freundschaft. Und die Schönheit der Worte.