Samstag, 19. Mai 2018

Töte dich selbst – sonst stirbt deine Tochter

Nach dem Unfalltod ihres Mannes fühlt Lena sich wie in einem Albtraum. 

Aber sie weiß, dass sie leben muss – 

für ihr Kind, denn Lena ist im achten Monat schwanger. 

Dabei ahnt sie nicht, dass ihr der wahre Horror erst noch bevorsteht. 

Vier Wochen nach der Geburt ist die kleine Emma plötzlich spurlos verschwunden. 

Entführt aus ihrer Wiege. 

Schon bald wird Lena klar: Sie soll büßen. 

Doch wofür? 

Ein perfider und grausamer Wettlauf gegen die Zeit beginnt.



Spoiler!
Stilistisch gefielen mir die ersten Seiten sehr gut und ich machte mich auf einen spannenden und gleichzeitig literarisch ansprechenden Thriller gefasst. Die Figurenzeichnungen fand ich in der ersten Hälfte realistisch, authentisch und lesenswert. Im letzten Drittel kippte der gute Eindruck und ich empfand die Figuren, Esther voran, eher als Rollenträger, die dem Plot zu dienen hatten.


Lena, die Protagonistin - authentisch, nicht unbedingt sympathisch

Die Protagonistin gefiel mir nur zum Teil. Als Hebamme konnte ich sie mir gut vorstellen und gerade der innere Zwiespalt: selbst kein Baby bekommen können und andererseits, jeden Tag mit der eigenen Kinderlosigkeit schmerzhaft konfrontiert zu werden, ist sehr gut gelöst. Lena wird als stark und kompetent dargestellt und selbst wenn sie kein Kind bekommen hätte, wäre sie nach wie vor eine Frau, die ihr Leben meistert. Diesen Aspekt fand ich sehr gut umgesetzt.



Ihre Liebe zu Daniel....Okay, auch das kann ich nachvollziehen. Auch wenn ich mich NIE in Daniel hätte verlieben können.....Dafür ist er einfach zu "strange", zu sehr von seinen Depressionen und seiner Alkoholsucht geprägt (wenn es wenigstens nur ein Punkt wäre), zu launenhaft, zu wechselhaft. Einerseits vergöttert er Lena, andererseits verhält er sich doch recht grausam.

Von Anfang an hatte ich Zweifel an ihm und vor allem dem genauen Hergang seines Unfalltodes. Auf die Lösung wäre ich nie gekommen, aber ich hatte zumindest schon Vermutungen, die gar nicht so abwegig waren....

Was Lena später mit ihrem Freund J. ausheckte: okay, kann man machen.... aber sie muss letztendlich mit dieser folgenschweren Entscheidung leben, der unausweichlichen Gleichzeitigkeit von größtem, unverhofftem Glück und schlimmster Schuld. Hätte Lena nicht "so sehr nachgeholfen", wäre alles anders verlaufen, die Geschichte, die vielen Toten hätte es so vielleicht nicht gegeben... Diesen Punkt finde ich interessant und rein plottechnisch gesehen, excellent. Ein auslösendes Ereignis der Spitzenklasse. Nur ist es kein klassisches inciting incident am Anfang, sondern der entscheidende Dominostein im "Später", wo sich Geheimnisse klären.



Plot: durchdacht und auf die Spitze getrieben


Der Plot selbst ist sehr raffiniert aufgebaut, leider - teilweise - auf Kosten von Glaubwürdigkeit und Logik.

Wie bei einem makabren Kinderspiel reihen sich die Ereignisse aneinander, Tote auf Tote, das wurde mir schon zu viel, so dass ich mit den Opfern nicht mitleiden konnte. Ich sehe richtig vor mir, wie die Autorin den Plot geplant hat.... Alle Möglichkeiten der Figurenkonstellation, alle Motive, Querbeziehungen, red herings sind ausgelotet, alle Varianten durchgespielt. Das ist einerseits sehr gut gelöst und wirklich spannend, andererseits habe ich den Eindruck im letzten Drittel das mechanische Räderwerk hinter dem Plot in allzu großer Deutlichkeit zu sehen.....

Der Schluss hinter dem Schluss hatte es allerdings in sich und ist ein 5-Sterne-Schluss und ließ mich wirklich mit offenem Mund zurück.....

die Pfotenszene: darf man soetwas schreiben als Autor?

Die viel diskutierte Szene mit der Hundepfote fand ich sehr krass und verstörend. Ich hatte Probleme, sie zu lesen und ärgerte mich,wie sie ausging. Allerdings muss ich sagen, charakterisiert diese Szene Lena und vor allem Esther sehr gut. Und bestimmt würden viele Menschen so handeln wie die beiden, weil sie das Wohl ihres Kindes sehr viel höher einstufen als das Wohl des Haustiers. Ich fand es traurig zu lesen, dass Guiness plötzlich kein "richtiges" Familienmitglied mehr war.. und man "soetwas" mit ihm machte. Ich finde diese Szene ziemlich realistisch beschrieben und für den Roman wirklich wichtig - im Gegensatz zu vielen anderen Rezensenten. Sie erscheint mir gerade vom psychologischen Hintergrund sehr wahr. Aber sie ist gleichzeitig unerträglich und eine Zumutung für den hundeliebenden Leser. Allerdings kann man sich fragen: warum ist man von Grausamkeit gegenüber Tieren um so vieles geschockter, als wenn - wie so oft in Thrillern - Menschen wirklich gräßliche Dinge erleiden müssen ?!?

Dieses ist eines der besten Bücher, das ich seit langem gelesen habe. Spannend von der ersten bis zur letzten Seite und die überraschenden Wendungen geben ihr Übriges! Sehr tolles Buch!