Samstag, 16. Juni 2018


In Deutschland leiden mehr als 1,6 Millionen Menschen unter der Borderline-Persönlichkeitsstörung. Es scheint, als biete unsere Gesellschaft einen guten Nährboden für diese Störung. Ursache ist meist eine Folge von traumatischen Erlebnissen, weit hinein in die Kindheit. Seelischer oder körperlicher Missbrauch, Leistungsdruck, emotionale Vernachlässigung, unstete Familiensituationen und das Fehlen wichtiger Grundwerte spielen eine große Rolle. Eine der Folgen sind Gefühle der eigenen Wertlosigkeit, die Betroffene bis ins Erwachsenenleben begleiten und durch individuelle Erlebnisse getriggert werden können.Auch typisch sind dissoziative Zustände, in  denen das Bewusstsein nicht mehr fähig ist, Erlebnisse mit entsprechenden Gefühlen zu verknüpfen. Viele beschreiben diesen Zustand 
als einen Verlust der eigenen Identität. Man ist 
sich selbst fremd. Dies kann wie aus dem 
Nichts oder bei subjektiv wahrgenommener 
Bedrohung einsetzen. Betroffene empfinden 
solche Momente als sehr belastend. Daraus 
resultiert oft das ebenso typische 
selbstverletzende Verhalten. Ritzen ist eine 
der gängigsten Methoden. Aber auch 
selbstschädigendes Verhalten kann eine Rolle 
spielen, wie etwa Kaufsucht, Essstörungen 
oder unverbindlicher Sex.









Ein Spiegelbild für Menschen, die sich sonst nirgends wiederfinden...

Ich habe mir dieses Buch ohne große Erwartungen gekauft, da ich schon viele Bücher mit definitiv mehr Erwartungen gekauft habe und von Stigmata und Vorurteilen bereits auf den ersten Seiten überrannt wurde.

Dieses Buch ist anders!

Ich denke, dieses Buch ist uneingeschränkt zu empfehlen - sei es für Betroffene, Angehörige oder einfach für Menschen, die sich für das Thema interessieren.

Warum? Weil Menschen berichten. Nicht die Medizin, nicht die Presse und nicht Möchtegern-Wissende berichten hier darüber, was für Nicht-Betroffene nur schwer greifbar ist. Es sind die Menschen selbst, unverblümt, ehrlich, manchmal erschreckend.
Ich selbst habe mich in vielen Dingen wiedererkannt, wie nie zuvor und empfand diese Tatsache als erleichternd.

Julia Strassburg hat mit ihrem Buch ein Werk geschaffen, das trotz der komplizierten, weitreichenden Thematik, eine gewisse Leichtigkeit mit sich bringt, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Also, Tipp von mir an alle, die ein Buch lesen möchten, das nicht nur der Wahrheit entspricht, sondern sich auch sehr angenehm lesen lässt:
Zugreifen! (Sagt die Frau, die nun mit dem Buch auf dem Sofa sitzt und es schade findet, dass es schon zuende ist.)

Das Buch ist auf nicht nur für Betroffene interessant. Die Schilderung der 15 Schicksale ist so spannend, dass es sich aus meiner Sicht auch um gelungene Unterhaltungsliteratur für nicht Betroffene handelt.

Betroffenen bietet es ggf. ein besseres Verständnis ihrer Lage. Das Erleben einer solchen Lage wird dadurch allerdings etwas relativiert. Zu den Betroffenen zähle ich neben den Borderlinern auch ihre gesamten sozialen Kontakte. Als einen Nachteil der zum Teil relativ positiven Entwicklung in einigen dieser Geschichten sehe ich, daß da dadurch einmal persönlich getroffene Entscheidungen (z.B. bezüglich der Trennung von einem Borderliner) in Frage gestellt werden könnten.

Update: Ich habe mich zwischenzeitlich noch eingehender mit Erfolgsaussichten Behandlung bei der Behandlung von Borderline und der Wirkung von Borderline auf Betroffene befasst.

In diesen Buch wird das Schicksal von Borderlinern, ihr Umgang mit der eigenen Krankheit und ihre Beziehungen zu anderen Menschen vergleichsweise hoffnungsvoll dargestellt. Oft sehr Hoffnung am Ende einer der Geschichten.

Mein Eindruck ist allerdings, dass einsichtige und behandlungswillige Borderliner nicht die eindeutige Mehrheit unter diesen Menschen sind und, dass eine Behandlung nicht unbedingt die Erwartung von Partnern und Angehörigen erfüllen kann selbst wenn sie relativ erfolgreich verläuft.

Zwar ist der Kontakt von einem Normalen mit einem Borderliner irgendwie faszinierend und Gefühls intensiver alles vieles andere. Der Preis für einen solchen Kontakt dürfte aber IMMER zu hoch sein. Insbesondere die definitiv irgendwann zwingend anstehende Entwöhnung kann einem Drogenentzug gleichen. Dies sollte wirklich ernst genommen werden.

Trotzdem ist dieses Buch sehr spannend und ein empfehlenswerter Einblick.







Nicht alle, aber der überwiegende Teil der Geschichten war interessant und flüssig zu lesen. Es wird schonungslos die eigene Situation geschildert, sehr reflektiert und für Betroffene gut nachvollziehbar. Dennoch ist dieses Buch sehr empfehlenswert!

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